Standort

Über Mohn &
Wacholder


Briefchen

unleashed memories

Im November 2003 postete ich damals diese Kurzgeschichte in das schwarze Forum mit den silbergrauen Buchstaben. Damals waren die Tage im Umbruch, die Nächte endlos, das Gehirn durchzogen von grauen Schlieren und das Herz immer noch unglücklich verliebt. Es war eine Zeit, in der ich größtenteils über reale Begebenheiten aus meinem Alltag schrieb und nur die Namen änderte. Eine Namensänderung, eine Geschichte brachte den besten Ehemann dazu, mir auf meine larmoyante Kurzprosa zu antworten. Zwei Monate und tausend ICQ- Nachrichten später küssten wir uns in Marburg am Bahnhof. Die "Spiegelschrift" führte unwissend zu einem Wunder.

 

*

 

Spiegelschrift

Sara schwingt ihre Beine über die Bettkante und steht auf. Verwirrt stolpert sie zum Fenster. Draußen hüllt Nebel die Straße in ein trübes Grau. Sara öffnet das Fenster und atmet die feucht- kalte Winterluft ein. Langsam ordnen sich ihre Gedanken ein bisschen. Auf einmal sieht sie ein letztes, braun-vertrocknetes Herbstblatt durch die Luft fliegen...sie ertappt sich bei dem Wunsch, dieses Blättchen zu sein. So traurig es aussieht, so frei ist es doch! Es kann fliegen...fortfliegen...

Sara wendet den Blick von ihrem Fenster ab und sieht auf ihr Bett. Tim schläft noch. Seine braunen Locken sind zerzaust, er liegt auf dem Rücken, völlig in die rote Decke eingewickelt...wie ein Kokon aus dem bald ein Schmetterling schlüpfen wird...ein schöner Schmetterling...Ja, Tim ist immer noch schön. Und wenn er schläft, sieht er mit seinen Locken aus, wie ein Engel...Schmetterling...Engel...Flügel...

„Liebe sollte uns Flügel verleihen...“ Sara lächelt traurig. Warum war Tim bloß zu ihr zurückgekehrt. So viel Zeit war doch schon seit der Trennung vergangen. Und von einem Tag auf den anderen war er einfach wieder da. Und sie hatte sich darauf eingelassen, im Irrglauben, alles wäre so, wie früher...

Sara seufzt. Sie spürt, wie ihre Finger kalt werden. Sie schließt das Fenster und presst ihre Fingerkuppen an die Scheibe. Mit unsichtbaren Buchstaben schreibt sie „Ich liebe dich!“ an die Scheibe. Das hatte Tim zu ihr gesagt, bevor er einschlief. Sara sieht die Buchstaben des Satzes vor ihrem inneren Auge. Doch auf einmal kehren sie sich um.. drehen sich...Spiegelschrift....Irgendwie glaubt sie Tim nicht mehr. Immerhin hat er kaum noch Zeit für sie und fährt lieber mit seinen Kumpels weg.

Tims Küsse sind oft  genauso kalt, wie Saras Fingerkuppen. Sogar seine Augen sind von einem eiskalten Blau. Und wenn er sie ansieht, spürt Sara, dass er manchmal ganz weit fort ist.

Und nachts bei Kerzenschein friert Sara wenn Tim da ist. Manchmal gelingt es ihr, die Kälte zu vergessen...ganz selten, wenn ein wenig von seiner Wärme in sie strömt...wenn sein Atem sie in Momenten der Ekstase streift, wenn er sich an sie klammert und seine Zähne klitzekleine Bissspuren auf ihrer Haut hinterlassen. Dann  vergisst Sara für kurze Zeit und fühlt sich sogar ein bisschen glücklich.

Doch dann dreht Tim sich um. Und Sara friert wieder, spürt, wie eisigblaue Kälte ihren Körper und ihr Herz ergreift. Dann zieht sie die rote Decke enger um ihre nackten Schultern, hofft, dass sie bald einschläft und dass der Schlaf sie warmhält.

Anderthalb wundervolle Jahre verbinden Sara und Tim. Doch das war früher. Nun ist alles anders. Alles ist kalt. Und irgendwie verkehrt. Umgekehrt...Spiegelverkehrt.

Sara bleibt bei Tim. Weil sie Angst hat allein zu sein und dann noch mehr zu frieren. So bleiben ihr wenigstens einige warme Momente. Auch wenn sie manchmal das Gefühl hat, dass ein Fremder ihre Hand hält.

Sara dreht auf Zehenspitzen eine Runde durch ihr Zimmer, leise...damit sie Tim nicht weckt. Wenn er schläft, kann er sie nicht verletzen, kann ihr nicht sagen, dass er seine Freiheit braucht und dass ihm seine Freunde wichtiger sind. Wenn er schlummert, sieht sie seine kalten Augen nicht. Dann sieht er aus wie früher. Wie der liebevolle Mann von damals.

Ob er wohl auch vom Fliegen träumt...vielleicht...Sara weiß nicht, was in Tims Kopf vorgeht. Er sagt es ihr ja nicht. Unter der Woche telefonieren sie kaum. Und wenn, dann dringen Worte durch Saras kalten Telefonhörer...Zwei, drei Worte, bevor Tim wieder fort muss...zur Automesse oder zur Disco. Worte, die wie Steine Saras Herz treffen...weil sie grau und kalt sind.

Sara kehrt zum Fenster zurück. Das Blatt im Wind ist längst aus ihrem Blickfeld verschwunden...fortgeweht. Sara zieht das Nachthemd enger um ihren Körper und blickt traurig in den Nebel.

Die rote Decke bewegt sich. Sara dreht sich um und fängt einen kühlen Blick auf...“Guten Morgen, Kleines...“ Sie lächelt wehleidig und sieht Tim an – sieht, wie er sich aus dem Deckenkokon befreit...doch der Schmetterling sieht irgendwie grau aus. Und seine Flügel sind von einer unfassbaren Kälte.

„Was ist los, Kleines?“ Er sieht sie besorgt an. Sie schweigt, tapst zum Bett und er streichelt über ihre Wange: „Ich liebe Dich!“  Sie spürt, wie ein kühler Wind ihre Haut streift..

„Spiegelverkehrt“, denkt sie...

 

 

 

16.7.17 19:16
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen
Kategorien:

Mohn
Wacholder