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Briefchen

sicut solis radii

Und dann kam der Regen zurück, doch ich wollte ihn nicht. Auf der Suche nach einem neuen Anfang dachte ich lange an früher. An die Namen, die ich mir gab. An die Orte, an denen ich war. An die Feuer, die ich legte, um die Worte, die ich geschrieben hatte, zu verbrennen. Ich dachte an die Regentage, die wirklichen und die geschriebenen, tastete ein wenig der Zerrissenheit von damals nach, erinnerte mich an das Tröstende in den hinabrinnenden Regentropfen am Fenster. Erinnerte mich an die orangefarbenen Vorhänge, an das große Fenster, durch das ich dem Regen oft zugesehen hatte. Fragte mich, wie es gekommen wäre, hätte ich die Orte zum Schreiben nie gefunden, die schwarzen, die rubinfarbenen, die graublauen. Sicher ist nur, dass alles völlig anders wäre.

So vieles hat sich geändert. So vieles wurde besser. Und je besser es wurde, desto leiser wurde ich. Bis ich schwieg, denn ich konnte vom Glück nie schreiben. Ich finde nur Worte für das, was mir fehlt. Ich wünschte, es wäre anders.

Mir fehlen die orangefarbenen Vorhänge. Mir fehlt nicht der Regen, mir fehlt die Sonne hinter den Vorhängen. Wie oft sah ich die Sonnensprenkel an der Wand, wie oft wurde mein Zimmer eingetaucht in dieses eine, besondere Gelborange, das alles aussehen ließ wie auf einem alten Farbfoto. Wie oft fuhr ich mit den Fingern über die grobe Struktur dieser alten Gardine, die schon dort hing, als meine Mutter noch jung war. Manchmal gab es nichts Schöneres, als ganz dicht vor dem Vorhang zu stehen, die Augen zu schließen – und alles war orange. Die Struktur der leuchtenden Fasern zu betrachten, wenn sich hinter ihnen die Sonne gegen das zugezogene Fenster warf. Wie unter einer sonnenerfüllten Bettdecke. Wie unter einem frisch gewaschenen Laken auf der Wäscheleine. Auf der Wäscheleine hinter unserem Haus, das an die Wiese und den Wald dahinter grenzte. Im Wind spannten die Laken sich dort auf wie Drachen, die mit Wäscheklammern an die Leine gebändigt wurden. Golden glitzerte die Sonne hindurch, während der Wind mir das Laken durch das Gesicht strich und sich die Gerüche von frischer Wäsche, Sonne und Wiese vermischten.

Vielleicht ist es das – das Glück. Doch ich kann davon nicht schreiben. Ich wünschte, es wäre anders. Längst ist die Wäsche abgehängt, die Sonne schon hinter dem Nachbarhaus versunken. Unser Haus an der Wiese steht seit Jahren nicht mehr. Ich sah, wie die Maschinen sich durch die Wände fraßen. Die Vorhänge warf jemand weg, ich sah sie nie wieder. Die Maschinen fraßen das Haus, bis nur noch Schutt übrig war. Ich liefere die Asche dazu. Ich lege das Feuer um die Worte, weil sie wehtun. Ich brenne alles nieder und drehe mich weg, die Hitze tanzt mir im Rücken. Ich denke an den Neuanfang. Gehe ein paar Schritte. Doch wenn das Feuer verglüht, wird es kalt im Rücken.

Auf der Suche nach einem neuen Anfang dachte ich lange an früher. Und der Regen kam zurück, doch ich wollte ihn nicht. Aber es wird nicht gehen, ohne dass ich mich umdrehe. Es wird nicht gehen ohne die Asche. Der Regen wird wieder die Feuer löschen. Vielleicht kann ich dann von der Sonne schreiben.

2.5.17 22:10
 


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