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Über Mohn &
Lavendel


Briefchen

Inventur 2010 - Eich wird langsam bleich

Dies ist mein Lernziel,
dies ist die Klasse
und hinten der Fuzzi,
der sitzt und schreibt.

In seinem Koffer
Stifte und Marker,
runzelnde Stirn
und böser Blick

Dies ist die Uhr,
dies sind die Zeiger,
und meine Stimme,
die zittert ganz leicht.

Dies ist das Zimmer,
danach sind es Worte,
"Sie haben das Lernziel
so gar nicht erreicht"

Die armen Schüler
so schwere Fragen,
so viel zu tun
und so wenig Zeit

Dies ist  mein Blatt,
ich starre darauf.
Dies ist das Zimmer.
Dies ist das Wort.

mare.litterarum am 24.10.10 13:37


Traumwaschgang

Die Heizung hat ein Leck. Draußen eine stille Großstadt und ein Nachbar schnarcht. Ich warte. Vor dem Fenster zieht der Herbst das Leben aus den Bäumen und gibt ihnen Farbe. Der Backofen macht kein Geräusch. Ab und an halte ich die Hand hinein um zu prüfen, ob er überhaupt warm wird oder nur das Licht geht an diesem Morgen. Ich zähle die Minuten.
Ganz langsam -

es wird schon

ein kleines bisschen Panik
ich muss nur
ein kleines bisschen Angst
nach vorne
und weiß nicht
mach die Augen zu
der Zweifel
sei ruhiger
der Zweifel
vertrau doch
der Zweifel
halt stiller
schreit mir ins Ohr -

zähl ich die Minuten.
Später dampft ein Aufbackbrötchen. Draußen eine stille Großstadt und der Nachbar schweigt. Der Herbst nagt an den Blättern, die Luft riecht bald nach Schnee.

Rique am 24.10.10 10:56


Feierabend.

Meine Haare wehen im Luftzug. Ich fahre hoch. Die Rolltreppe surrt leise vor sich hin. Das grelle Licht schlägt mir entgegen. Gleich bin ich oben. Es ist Abend. Das Seminar ist zu Ende. Während meine Nase unter dem Luftzug kalt wird, träume ich Nicht etwa von Reisen, sondern von alltäglichen Dingen, die heute bedeutend sein könnten, nach einem langen Tag im Kastengebäude des Studienseminars. Ich hätte gerne einen Tee. Ein Aufbackbrötchen. Und Schlaf. Vielleicht läuft auch Germany's next Topmodel, damit ich mein Gehirn für heute ins Regal stellen kann. In Gedanken unter der kalten Luft liege ich schon auf der Couch und ich spreche mit der Rolltreppe, damit sie schneller fährt. Meine Träume sind heute simpel und äußerst alltäglich. Ich setze einen Fuß auf den grauen Boden. Ich träume vom Dampf des Brötchens. Bald bin ich da.

Ey alta gumma. Ne Referendarin. Gumma da. Hallohallo.

Ich erschrecke. Sogar aus diesen Träumen reißt man mich. Das gibt Abzug, Alter. Gleich morgen. 

Viq am 21.6.10 13:42


Subway

Wir stehen da und unsere Füße berühren mit den Schuhspitzen knapp die weiße Linie auf dem Boden. Ein Rauschen im dumpfen Licht des langen Ganges kündigt die Bahn an. Die Haare wehen im Fahrtwird des bremsenden Zuges, wir steigen ein. "Bitte zurückgleiten." Wir haben das stets falsch verstanden. Anfangs, weil wir es nicht besser wussten, später weil wir es wollten. Wir bleiben nicht zurück, wir gleiten weg vom Eingang, die Türen schließen unter Pfeiftönen. Wir fahren ein wenig durch schwarzen Tag, der irgendwo weiter oben helllicht sein kann. Sehen nur Wand. Sehen nur Lichter, in regelmäßigen Abständen. Hören das Rauschen und das Summen von Musik aus Kopfhörerknöpfen in fremden Ohren. Sprechen ein wenig. Nächste Haltestelle. Wir gleiten vor. Betätigen den Kopf, Trittstufen, wir steigen aus und berühren knapp die weiße Line auf dem Boden mit den Füßen, als wir sie übertreten. U-Bahn-Luft. Wir atmen tief ein. Wenn wir die Rolltreppe hochfahren, könnten wir überall sein. Wir sind in der U-Bahn und wir wissen nicht genau, wo wir herauskommen werden, wenn wir oben sind, die Welt steht offen vor uns. U-Bahn-Luft riecht überall gleich. Wer kann schon genau behaupten, wo wir sind. Wir stiegen in Berlin unten ein und die Luft der U-Bahn sagt, es könne auch Hamburg sein, wenn wir wieder aussteigen. Auf der Rolltreppe weht das Haar leicht im U-Bahn-Luftzug. Noch sind wir überall, noch ein paar Augenblicke lang.
Rique am 28.4.10 15:00


Seemanns-(Sehn.) Sucht

Wer gießt Blut durch mene Adern
wer schickt Vögel übers Meer?
Ach ich harre schon so lange
heimatlos und sehnsuchtsschwer...
(Subway zo Sally - Seemannslied)

Ich habe das Lied im Hafen von Helsinki gesummt, als schwere Eisschollen auf dem grauen Wasser trieben. Das Eis war wild, fast laut. Wie die Sehnsucht in mir. Ich bin nicht mehr heimatlos, aber immernoch voller Sehnsucht, eine Seemannsfrau im Geist. Es reicht mir oft nicht, das Alltagsleben, ich möchte in See stechen, frei sein im grauen Nordwind, irgendwo da draußen, wo es keine Begrenzungen gibt. Atme ein. Atme aus. Ich bin das Meer. Die Flut. Das berstende Eis. Drowning my mind.

Sehn: Sucht.

Gestern haben wir geschrieben. Du, meine einzige Verbindung nach Valenciennes. Du hast mich zu einem Konzert in meine alte Résidence eingeladen. Je voudrais bien. Mais j'ai plus de vacances. Schrieb ich. Früher wären sicher Semesterferien gewesen. Ich hätte meine Sachen gepackt und wäre direkt bis nach Aachen gefahren, dann weiter nach Lille. Nun muss alles genau strukturiert werden, es ist keine Zeit für Spontaneität. Peut - être en été. On verra. Und weiter an den Schreibtisch. Doch solange die Seemannsfrau noch in See sticht und der Mohn blüht wird mich keine Struktur wirklich bändigen. Heureusement.

 

Viq am 9.4.10 17:22


Wir haben einen Kurs

Wir setzen ganz vorsichtig ein Segel. Langsam ziehen wir an der Leine, die wir entrollt haben nach langer Zeit. Es liegt vielleicht ein wenig Staub an Deck. Es sieht vielleicht ein wenig unbeholfen aus, aber das Navigieren kann man nicht verlernen. Es fällt wieder ein, wenn man das Seil in der Hand hält, wenn man dem weißen Segel zusieht, wie es höher und höher rutscht am Mast.

Ein Blick auf das Meer sagt, dass es Dinge gibt, die sich nicht ändern. Wir wogen, ein ruhiger Seegang, leichte Wellen.
Das Segel spannt im Wind und bläht sich auf, ein weißes Leuchtsignal im blendenden Sonnenlicht.
Wir fegen den Staub von Deck mit dem Wind.
Wir fahren wieder.

Rique am 26.3.10 11:59


Check, Check-Houellebecq!

Ich bin allein in meinem Zimmer,
es ist beschissen, grau kalt,
die Pornos laufen wie immer
und ich werde langsam alt.
 
Die fette Möse in der Glotze
schnauft bedächtig vor sich hin
vom Alkohol kommt mir die Kotze,
weil ich alt und einsam bin.

Ich hätte gern ne Thai- Behandlung
von einer Frau mit kleinen Händen,
doch das ist hier kein Wunschkonzert,
ich muss wohl alleine enden.

Check:


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HURRA.

Viq am 29.12.09 10:51


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