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Über Mohn &
Wacholder


Briefchen

Subway

Wir stehen da und unsere Füße berühren mit den Schuhspitzen knapp die weiße Linie auf dem Boden. Ein Rauschen im dumpfen Licht des langen Ganges kündigt die Bahn an. Die Haare wehen im Fahrtwird des bremsenden Zuges, wir steigen ein. "Bitte zurückgleiten." Wir haben das stets falsch verstanden. Anfangs, weil wir es nicht besser wussten, später weil wir es wollten. Wir bleiben nicht zurück, wir gleiten weg vom Eingang, die Türen schließen unter Pfeiftönen. Wir fahren ein wenig durch schwarzen Tag, der irgendwo weiter oben helllicht sein kann. Sehen nur Wand. Sehen nur Lichter, in regelmäßigen Abständen. Hören das Rauschen und das Summen von Musik aus Kopfhörerknöpfen in fremden Ohren. Sprechen ein wenig. Nächste Haltestelle. Wir gleiten vor. Betätigen den Kopf, Trittstufen, wir steigen aus und berühren knapp die weiße Line auf dem Boden mit den Füßen, als wir sie übertreten. U-Bahn-Luft. Wir atmen tief ein. Wenn wir die Rolltreppe hochfahren, könnten wir überall sein. Wir sind in der U-Bahn und wir wissen nicht genau, wo wir herauskommen werden, wenn wir oben sind, die Welt steht offen vor uns. U-Bahn-Luft riecht überall gleich. Wer kann schon genau behaupten, wo wir sind. Wir stiegen in Berlin unten ein und die Luft der U-Bahn sagt, es könne auch Hamburg sein, wenn wir wieder aussteigen. Auf der Rolltreppe weht das Haar leicht im U-Bahn-Luftzug. Noch sind wir überall, noch ein paar Augenblicke lang.
Rique am 28.4.10 15:00


Seemanns-(Sehn.) Sucht

Wer gießt Blut durch mene Adern
wer schickt Vögel übers Meer?
Ach ich harre schon so lange
heimatlos und sehnsuchtsschwer...
(Subway zo Sally - Seemannslied)

Ich habe das Lied im Hafen von Helsinki gesummt, als schwere Eisschollen auf dem grauen Wasser trieben. Das Eis war wild, fast laut. Wie die Sehnsucht in mir. Ich bin nicht mehr heimatlos, aber immernoch voller Sehnsucht, eine Seemannsfrau im Geist. Es reicht mir oft nicht, das Alltagsleben, ich möchte in See stechen, frei sein im grauen Nordwind, irgendwo da draußen, wo es keine Begrenzungen gibt. Atme ein. Atme aus. Ich bin das Meer. Die Flut. Das berstende Eis. Drowning my mind.

Sehn: Sucht.

Gestern haben wir geschrieben. Du, meine einzige Verbindung nach Valenciennes. Du hast mich zu einem Konzert in meine alte Résidence eingeladen. Je voudrais bien. Mais j'ai plus de vacances. Schrieb ich. Früher wären sicher Semesterferien gewesen. Ich hätte meine Sachen gepackt und wäre direkt bis nach Aachen gefahren, dann weiter nach Lille. Nun muss alles genau strukturiert werden, es ist keine Zeit für Spontaneität. Peut - être en été. On verra. Und weiter an den Schreibtisch. Doch solange die Seemannsfrau noch in See sticht und der Mohn blüht wird mich keine Struktur wirklich bändigen. Heureusement.

 

Viq am 9.4.10 17:22


Wir haben einen Kurs

Wir setzen ganz vorsichtig ein Segel. Langsam ziehen wir an der Leine, die wir entrollt haben nach langer Zeit. Es liegt vielleicht ein wenig Staub an Deck. Es sieht vielleicht ein wenig unbeholfen aus, aber das Navigieren kann man nicht verlernen. Es fällt wieder ein, wenn man das Seil in der Hand hält, wenn man dem weißen Segel zusieht, wie es höher und höher rutscht am Mast.

Ein Blick auf das Meer sagt, dass es Dinge gibt, die sich nicht ändern. Wir wogen, ein ruhiger Seegang, leichte Wellen.
Das Segel spannt im Wind und bläht sich auf, ein weißes Leuchtsignal im blendenden Sonnenlicht.
Wir fegen den Staub von Deck mit dem Wind.
Wir fahren wieder.

Rique am 26.3.10 11:59


Check, Check-Houellebecq!

Ich bin allein in meinem Zimmer,
es ist beschissen, grau kalt,
die Pornos laufen wie immer
und ich werde langsam alt.
 
Die fette Möse in der Glotze
schnauft bedächtig vor sich hin
vom Alkohol kommt mir die Kotze,
weil ich alt und einsam bin.

Ich hätte gern ne Thai- Behandlung
von einer Frau mit kleinen Händen,
doch das ist hier kein Wunschkonzert,
ich muss wohl alleine enden.

Check:


[X] Porno
[X]Alleine
[X]Möse
[X]Alkohol
[X]Thai-Behandlung


HURRA.

Viq am 29.12.09 10:51


Hoffmannsthalsche Schrittgeschwindigkeit

Die laute Welt wird ein paar Takte stummer
Und plötzlich lassen wir das Fragen sein
Wir werden still und sehen aus dem Fenster
Und Flocken, die sich legen wie Gespenster
Hüllen die Welt in weißes Schweigen ein.

Und auch wir gehen raus und werden weißer
Und Schnee, der sich in unsren Haaren fängt
Macht uns so klein und lachend wie ein Kind
Das vor der Welt die Augen schließt - schneeblind.
Die Welt ein böser Traum, den man verdrängt.


### Hoffmannsthal-Check:

[x] stumm
[x] still
[x] Kinder
[x] Traum
[  ] Mädchen
[  ] frieren
[  ] Seele
[  ] blass

Mist.
###


Der Unterschied ist: Kinder sind nicht leise
Sie schreien sich die Seelen aus dem Leib
Und uns wird zu schnell kalt, wir frieren
Zum Schneeballwerfen nicht zu animieren
Stehn wir ein bisschen rum zum Zeitvertreib.

Und während wir so stehn und lange schweigen
Wie alte Leute in der Totenmesse
Und blass sind, ja, so weiß wie eine Wand
Kommt rotwangig ein Mädchen angerannt -
Und schmeißt uns einen Schneeball in die Fresse.
Rique am 20.12.09 13:17


Jeder Atemzug, jeder Schritt...

...trägt Deinen Namen sanft mit sich mit.

Eigentlich haben wir nicht viele Lieder. Du hörst nicht viel Musik. Doch dieses ist es am Ehesten. Letztes Mal, als wir es hörten, standen wir irgendwo in einem Zelt in den Bergen, es war Sommer. Und die Welt stand für einen Moment still in Deiner Armbeuge um mich. Fast sechs Jahre. Vergangen wie ein Atemzug, und doch ist viel passiert. Wir sind zusammen erwachsener geworden, irgendwo, an diesen viel zu kurzen Wochenenden in der Zauberstadt und zurück. Mittlerweile kann ich mir keine lange Zugfahrt mehr vorstellen, ich habe mich an unser gemeinsames Leben gewöhnt, es fühlt sich warm an und richtig, obwohl es schwierig begann. Nun bin ich manchmal immer noch aufgeregt, wenn ich von einer kleinen Reise zurückkehre, oder Du bald nach Hause kommst. Es hat sich alles eingependelt, als wäre es lange so gewesen und doch sind es nur neun Monate, zusammen, au coeur de la ville. Ich musste an diesen Moment denken, die Schandmaul-Konzerte früher. Das Rascheln meines Rocks, so lange her und doch noch wie heute. Du bist nicht selbstverständlich, Du bist immer noch ein Geschenk.

Viq am 7.12.09 12:15


Entre moi et mon amin

Ich habe das lange ruhen lassen, weil ich nicht wusste, wie ich es angehen sollte, war mir doch klar, dass ich darüber und nur darüber schreiben möchte. Denn bevor jedes Wort klingt wie dreitausend Mal formuliert, möchte ich lieber schweigen. Aber da sind ein paar Worte, die müssen raus.
Damals, als wir uns nur schriftlich kannten und uns Musik zuschickten, sie abends gemeinsam aber doch getrennt voneinander hörten, da war dort dieses Lied, von dem ich immer dachte, dass das sicher ein Schreibfehler in meiner mp3-Liste ist. Damals war ich noch Romanistikstudentin, aber zu Altfranzösischen Seminaren ist es nie gekommen - also half mir nur mein Schulfranzösisch, das nur für die ersten vier Worte reichte. Und bei amin, da passte besser ein ami, der wahrscheinlich gar nicht von allzu weit hergeholt war. Ich habe viel in diese kleinen Zeilen hineingedacht und Dir einige blödsinnige Auslegungen des Textes präsentiert, aber das was bei mir geblieben ist, ist das Gefühl an den Beginn, der nun schon so ewig her zu sein scheint. Ich bin froh, dass ich mittlerweile nicht mehr diese unsagbare Nervosität im Bauch habe, wenn ich im Zug zu Dir sitze, dieses Zittern in den Fingern, die ich in meinen Taschen verstecken musste. Als wir dann im Auto nebeneinander saßen, zum ersten Mal, nach langen Telefonaten und noch längeren Texten und uns gegenseitig mit verlegenen "Hmmms" bombadierten, so nah am Meer, da war dort auch schon all diese Musik, entre moi et toi, entre nous.
Und ein Lied war dort fast noch mehr: We're walking in the air. Ein Höhenflug, der bis heute währt. Ein Endorphinrausch, jedes Mal, wenn ich bei Dir aus dem Zug steige, ob am Meer oder nicht.
Danke. Danke für aktuell fünfeinhalb Jahre und sieben Tage, von denen ich hoffe, dass sie sich verzehnfachen werden, über die Zeit.

we're floating in the moonlit sky
the people far below are sleeing as we fly

The Snowman. Das Lied hab ich von Dir fünf Tage vorher bekommen - es steht noch dran, wie mit einem Stempel aufgedrückt. Meins.
Meins.
Meiner.

Rique am 7.12.09 10:26


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