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Lavendel


Briefchen

Merklied für Vergangenheitsformen

In der Schule haben wir uns Briefchen in Spiegelschrift geschrieben. Ich hatte schon immer eine Schwäche für alles mit Schrift Verbundene, für Sprachen, Schriften und Geheimschriften, für Minuskelschriften, Sütterlin und Runen, für die Besonderheit der geschriebenen Sprache, für Handschriften. Meine gesamte Schulzeit über habe ich ständig die Handschriften gewechselt, habe mal ein rundes, mal ein flaches kleines e geschrieben, habe ein gerundetes kleines r geschrieben und es wieder verworfen, habe das t und z der vereinfachten Ausgangsschrift aus Grundschulzeiten verstoßen und wieder rekrutiert, habe mal einen großen Kringel zum i-Punkt auserkoren oder ihn ganz weggelassen, habe alle Buchstaben, groß wie klein, gleich hoch geschrieben oder p, f, und q besonders tief gezogen, b, d, k und l besonders hoch, habe nach links geneigt, nach rechts geneigt oder akkurat vertikal geschrieben, habe verschnörkelt, entschnörkelt, verändert. Ich war nie zufrieden. Wenn das Schriftbild Rückschlüsse auf den Charakter zulassen kann, dann habe ich meine Diagnose längst gestellt: unstet, nachlässig perfektionistisch, sprunghaft.

Parallel zum Sezieren der Handschrift war ich fasziniert von allem, was nicht unserer Standardschrift entsprach, schrieb mir mit zehn selbst Briefe in Runen, die ich in einem Kalligrafiebuch gefunden hatte und ärgerte mich, dass ich niemanden hatte, der zurückschrieb. Mit einer Freundin entwarf ich eine Geheimschrift aus lauter Quadraten, Vierecken und Strichen und konnte sie schnell auswendig, war aber die einzige, die Lust aufs geheime Schreiben hatte.

Später warst Du die einzige, die ausdauernd mitmachte. Wir schrieben uns Briefchen in Spiegelschrift, für die keiner von uns einen Spiegel brauchte. Wir schrieben und hielten den gewendeten Zettel danach ins Licht, um zu kontrollieren, welche Buchstaben wir in die falsche Richtung geschwungen hatten. Und mit Dir lernte ich Japanisch. Eine Geheimsprache, denn niemand sonst konnte mitreden, mitschreiben. Wir schrieben uns im Unterricht Briefchen hin und her, Einzeiler, für die der Sprachschatz schon reichte, einzelne Wörter oder auch in Katakana übersetztes Deutsch. Geheimschrift. Auf die Melodie von "Oh my darling" sangen wir ein Merklied, das wir im Japanischunterricht gelernt hatten. Weil ich mich nie von irgendetwas trennen kann, liegt irgendwo noch mein Federetui von damals und noch immer ist darin die Tabelle für Hiragana und Katakana. Damals konnte ich sie auswendig, jetzt brauche ich deutlich länger, um die Zeichen zu entziffern. Fast hätte ich Japanologie studiert, doch in einem anderen Nebenfach wurde ich nicht angenommen. So endete mit der Schulzeit meine Motivation, mich den Kanji zu stellen. Die Zeichen gerieten wieder in Vergessenheit. Wir drifteten auseinander, wie zwei Worte, zwischen denen jemand auf der Leertaste schläft. Wir schrieben uns ab und an noch Postkarten in Spiegelschrift, aber mit den Jahren geriet auch unsere Freundschaft in Vergessenheit. Manchmal beleben wir sie wieder, für einen Tag im Jahr, und sind seltsam distanziert. Aber bei allem in Spiegelschrift denke ich an Dich. Und alle paar Monate kriege ich die Melodie von "Oh my darling" nicht aus dem Kopf. Und immer besteht der Text aus japanischen Silben.

うつるーって、ぬむぶーんで。。。
u tsu ru -tte, nu mu bu -nde...
Merklied für Vergangenheitsformen.
Rique am 3.12.17 10:43


unleashed memories

Im November 2003 postete ich damals diese Kurzgeschichte in das schwarze Forum mit den silbergrauen Buchstaben. Damals waren die Tage im Umbruch, die Nächte endlos, das Gehirn durchzogen von grauen Schlieren und das Herz immer noch unglücklich verliebt. Es war eine Zeit, in der ich größtenteils über reale Begebenheiten aus meinem Alltag schrieb und nur die Namen änderte. Eine Namensänderung, eine Geschichte brachte den besten Ehemann dazu, mir auf meine larmoyante Kurzprosa zu antworten. Zwei Monate und tausend ICQ- Nachrichten später küssten wir uns in Marburg am Bahnhof. Die "Spiegelschrift" führte unwissend zu einem Wunder.

 

*

 

Spiegelschrift

Sara schwingt ihre Beine über die Bettkante und steht auf. Verwirrt stolpert sie zum Fenster. Draußen hüllt Nebel die Straße in ein trübes Grau. Sara öffnet das Fenster und atmet die feucht- kalte Winterluft ein. Langsam ordnen sich ihre Gedanken ein bisschen. Auf einmal sieht sie ein letztes, braun-vertrocknetes Herbstblatt durch die Luft fliegen...sie ertappt sich bei dem Wunsch, dieses Blättchen zu sein. So traurig es aussieht, so frei ist es doch! Es kann fliegen...fortfliegen...

Sara wendet den Blick von ihrem Fenster ab und sieht auf ihr Bett. Tim schläft noch. Seine braunen Locken sind zerzaust, er liegt auf dem Rücken, völlig in die rote Decke eingewickelt...wie ein Kokon aus dem bald ein Schmetterling schlüpfen wird...ein schöner Schmetterling...Ja, Tim ist immer noch schön. Und wenn er schläft, sieht er mit seinen Locken aus, wie ein Engel...Schmetterling...Engel...Flügel...

„Liebe sollte uns Flügel verleihen...“ Sara lächelt traurig. Warum war Tim bloß zu ihr zurückgekehrt. So viel Zeit war doch schon seit der Trennung vergangen. Und von einem Tag auf den anderen war er einfach wieder da. Und sie hatte sich darauf eingelassen, im Irrglauben, alles wäre so, wie früher...

Sara seufzt. Sie spürt, wie ihre Finger kalt werden. Sie schließt das Fenster und presst ihre Fingerkuppen an die Scheibe. Mit unsichtbaren Buchstaben schreibt sie „Ich liebe dich!“ an die Scheibe. Das hatte Tim zu ihr gesagt, bevor er einschlief. Sara sieht die Buchstaben des Satzes vor ihrem inneren Auge. Doch auf einmal kehren sie sich um.. drehen sich...Spiegelschrift....Irgendwie glaubt sie Tim nicht mehr. Immerhin hat er kaum noch Zeit für sie und fährt lieber mit seinen Kumpels weg.

Tims Küsse sind oft  genauso kalt, wie Saras Fingerkuppen. Sogar seine Augen sind von einem eiskalten Blau. Und wenn er sie ansieht, spürt Sara, dass er manchmal ganz weit fort ist.

Und nachts bei Kerzenschein friert Sara wenn Tim da ist. Manchmal gelingt es ihr, die Kälte zu vergessen...ganz selten, wenn ein wenig von seiner Wärme in sie strömt...wenn sein Atem sie in Momenten der Ekstase streift, wenn er sich an sie klammert und seine Zähne klitzekleine Bissspuren auf ihrer Haut hinterlassen. Dann  vergisst Sara für kurze Zeit und fühlt sich sogar ein bisschen glücklich.

Doch dann dreht Tim sich um. Und Sara friert wieder, spürt, wie eisigblaue Kälte ihren Körper und ihr Herz ergreift. Dann zieht sie die rote Decke enger um ihre nackten Schultern, hofft, dass sie bald einschläft und dass der Schlaf sie warmhält.

Anderthalb wundervolle Jahre verbinden Sara und Tim. Doch das war früher. Nun ist alles anders. Alles ist kalt. Und irgendwie verkehrt. Umgekehrt...Spiegelverkehrt.

Sara bleibt bei Tim. Weil sie Angst hat allein zu sein und dann noch mehr zu frieren. So bleiben ihr wenigstens einige warme Momente. Auch wenn sie manchmal das Gefühl hat, dass ein Fremder ihre Hand hält.

Sara dreht auf Zehenspitzen eine Runde durch ihr Zimmer, leise...damit sie Tim nicht weckt. Wenn er schläft, kann er sie nicht verletzen, kann ihr nicht sagen, dass er seine Freiheit braucht und dass ihm seine Freunde wichtiger sind. Wenn er schlummert, sieht sie seine kalten Augen nicht. Dann sieht er aus wie früher. Wie der liebevolle Mann von damals.

Ob er wohl auch vom Fliegen träumt...vielleicht...Sara weiß nicht, was in Tims Kopf vorgeht. Er sagt es ihr ja nicht. Unter der Woche telefonieren sie kaum. Und wenn, dann dringen Worte durch Saras kalten Telefonhörer...Zwei, drei Worte, bevor Tim wieder fort muss...zur Automesse oder zur Disco. Worte, die wie Steine Saras Herz treffen...weil sie grau und kalt sind.

Sara kehrt zum Fenster zurück. Das Blatt im Wind ist längst aus ihrem Blickfeld verschwunden...fortgeweht. Sara zieht das Nachthemd enger um ihren Körper und blickt traurig in den Nebel.

Die rote Decke bewegt sich. Sara dreht sich um und fängt einen kühlen Blick auf...“Guten Morgen, Kleines...“ Sie lächelt wehleidig und sieht Tim an – sieht, wie er sich aus dem Deckenkokon befreit...doch der Schmetterling sieht irgendwie grau aus. Und seine Flügel sind von einer unfassbaren Kälte.

„Was ist los, Kleines?“ Er sieht sie besorgt an. Sie schweigt, tapst zum Bett und er streichelt über ihre Wange: „Ich liebe Dich!“  Sie spürt, wie ein kühler Wind ihre Haut streift..

„Spiegelverkehrt“, denkt sie...

 

 

 

Viq am 16.7.17 19:16


Spiegel

Manchmal, wenn ich unbedacht an einem Spiegel vorbeigehe, wenn ich ungestellte Fotos von mir sehe auf denen ich ernst schaue, dann verwechsle ich mich kurz mit Dir. Das ist ein skurriles Gefühl. Früher haben wir beide immer vehement bestritten, dass wir uns ähnlich sehen. Ich, weil das für mich automatisch hieß, dass ich viel älter aussah als ich war, Du eher aus Prinzip ‒ wie immer, wenn Dir jemand eine Meinung nahelegen will.

Ich finde immer noch, dass wir sehr unterschiedlich sind. Aber manchmal sind wir uns wirklich verdammt ähnlich. Manchmal lache ich so wie Du und halte mir dann schnell den Mund zu, weil es so skurril ist. Und muss dann noch mehr lachen. Wahrscheinlich habe ich auch meinen "bösen Blick" von Dir. Früher wurde ich damit aufgezogen, das hat mittlerweile aufgehört. Aber Du schaust nach wie vor oft kritisch ‒ meist sogar ohne konkreten Anlass. Wenn Du aus dem Urlaub wiederkommst, hast Du manchmal zwei ungebräunte, helle Streifen auf Deiner sonst ganz braun gebrannten Stirn, weil Du sie so oft in so skeptische Falten legst.

Ich habe mittlerweile vor der Realität kapituliert. Ich sehe Dich im Spiegel, sehe die unscheinbaren Übergänge zwischen dem Gestern, dem Heute und dem Morgen und bin ein wenig stolz. Und ich freue mich über Deine Spinnereien, Deine Verrücktheit, Deine Irrationalität, dass wir immer noch fast jeden Tag telefonieren und wieder im gleichen Ort wohnen.

Ich hoffe, dass in mir ganz viel von Dir steckt. Und: Ja ja. MWOW.

Rique am 3.7.17 11:05


35

Ich bin ein Satellit
Bleibe niemals stehn
Umkreisen und warten
Quelle der Manie
(Fliehende Stürme)


Früher dachte ich, mit fünfunddreißig wäre man seriös. Man säße irgendwo in der Vorstadt, den Sommer könnte man altersgemäß auf der AIDA verbringen, die Netzstrumpfhosen längst passé, gegen eine Bluse eingetauscht. Auf dem Schiff würde man am Pool die alternde Haut grillen und Minigolf spielen, sich nur noch an die Jugend erinnern, ach damals, ach, war das wild.

Dieses Jahr werde ich fünfunddreißig. In meinem Zimmer sind immer noch plüschige Einhörner und die AIDA diente mit dem Programm und dem Tanztee nur meiner sarkastischen Belustigung. Minigolf spiele ich am Liebsten betrunken und die Netzstrumpfhosen waren gestern im Einsatz, als ich der schwermütigen Wave-Musik lauschte. Ich fühle mich nur alt, wenn ich merke, dass das Feiern am nächsten Tag doch Spuren hinterlässt. Dafür habe ich kreative Ideen, mein Kopf ist ruhiger, aber immer noch verrückt. Und das ist auch gut so.

Viq am 14.5.17 12:35


Garage Beat

Alles fokussierte sich allein darauf. Dieses Geräusch, dieses Vibrieren im Fuß und fast zeitgleich im ganzen Körper, in den Ohren. Es elektrisierte. Mal um Mal trat er fester gegen den abgewetzten Lederball, Mal um Mal traf der Ball stärker auf das metallene Garagentor und Tritt für Tritt krachte der harte Ball lauter gegen das Tor. Dann, wenn das Krachen laut genug war, konnte es die wütenden Schreie übertönen, die trotz des geschlossenen Küchenfensters auf den Hof drangen. In dem Moment, in dem der Fuß auf den Ball traf, verschwand die restliche Welt, war er nur vor der Garage, war voller Konzentration und Erwartung auf den unmittelbar folgenden Knall gegen die Metallwand, war er weit entfernt von der Küche und den Stimmen hinter dem Fenster. Und die Euphorie des metallenen Lärms dämpfte für eine kleine, aber wichtige Anzahl von Sekunden alles um ihn herum, die Trommelfelle schwangen vor Glück und die wenigen Sekunden reichten aus bis zum Zurückprallen des Balls, bis zum nächsten Tritt, bis zum nächsten Krachen gegen das Tor. Er zählte - dreizehn - vierzehn - er versuchte, das Krachen noch weiter ansteigen zu lassen, hatte das Gefühl, dass es ihm gelang. Zweiundzwanzig - dreiundzwanzig - alles laut, alles taub, alles dumpf. Bei fünfunddreißig griff ihm die Hand in den Jackenkragen im Nacken. Die Tür hatte er nicht gehört, sie musste zeitgleich mit dem Ball am Garagentor aufgekracht sein. Der Ball rollte ins Leere, doch das Vibrieren des Garagentors klang noch nach. Es schüttelte ihn, ein wütender Mund klappte vor seinen Augen auf und zu, doch eine Weile noch blieb alles taub, alles dumpf. Die Arme taten ihm weh. Alles laut. Alles dumpf. Fünfunddreißig, dachte er. Ein neuer Rekord.
Rique am 10.5.17 22:16


mémoires d'une jeune fille rangée.

Auf dem Garagendach meiner Eltern sammelte sich oft der Regen, wenn ich hinausblickte, konnte ich mich in den Tropfen spiegeln, man sah mich und den Laternenmast. Du gehörst für mich immer noch zu diesem Dach, diesem Regen, Du und Dein altes Auto, in dem wir Stunden verbrachten, bis meine Füße kalt wurden und das letzte germanistische Zitat verklang. Manchmal saßen wir am Eßzimmertisch, zitierten weiter und wärmten Windbeutel in der Mikrowelle auf, die dann natürlich zu Windbeutelsuppe wurden. In meinem Samtrock verfing sich der Herbst, als wir unsere Runden drehten. Ich habe immer an dieser Freundschaft festgehalten und vielleicht ist dieses Festhalten immer noch der Grund, warum ich Dir noch nicht gesagt habe, wie traurig ich manchmal bin, dass unsere Wege sich zu verzweigen scheinen. Und wer weiß, vielleicht führt es uns doch wieder zueinander, dieses manchmal abenteuerliche Leben. Deswegen sage ich nichts, denke an das Garagendach, an Kleist, und an all die betrunkenen Tequilamomente. Es sammelt sich weiterhin der Regen und vielleicht wärmen wir irgendwann Torten in der Mikrowelle auf. Nur ohne Kleist, dafür mit neuen Erfahrungen.

Viq am 3.5.17 15:01


sicut solis radii

Und dann kam der Regen zurück, doch ich wollte ihn nicht. Auf der Suche nach einem neuen Anfang dachte ich lange an früher. An die Namen, die ich mir gab. An die Orte, an denen ich war. An die Feuer, die ich legte, um die Worte, die ich geschrieben hatte, zu verbrennen. Ich dachte an die Regentage, die wirklichen und die geschriebenen, tastete ein wenig der Zerrissenheit von damals nach, erinnerte mich an das Tröstende in den hinabrinnenden Regentropfen am Fenster. Erinnerte mich an die orangefarbenen Vorhänge, an das große Fenster, durch das ich dem Regen oft zugesehen hatte. Fragte mich, wie es gekommen wäre, hätte ich die Orte zum Schreiben nie gefunden, die schwarzen, die rubinfarbenen, die graublauen. Sicher ist nur, dass alles völlig anders wäre.

So vieles hat sich geändert. So vieles wurde besser. Und je besser es wurde, desto leiser wurde ich. Bis ich schwieg, denn ich konnte vom Glück nie schreiben. Ich finde nur Worte für das, was mir fehlt. Ich wünschte, es wäre anders.

Mir fehlen die orangefarbenen Vorhänge. Mir fehlt nicht der Regen, mir fehlt die Sonne hinter den Vorhängen. Wie oft sah ich die Sonnensprenkel an der Wand, wie oft wurde mein Zimmer eingetaucht in dieses eine, besondere Gelborange, das alles aussehen ließ wie auf einem alten Farbfoto. Wie oft fuhr ich mit den Fingern über die grobe Struktur dieser alten Gardine, die schon dort hing, als meine Mutter noch jung war. Manchmal gab es nichts Schöneres, als ganz dicht vor dem Vorhang zu stehen, die Augen zu schließen – und alles war orange. Die Struktur der leuchtenden Fasern zu betrachten, wenn sich hinter ihnen die Sonne gegen das zugezogene Fenster warf. Wie unter einer sonnenerfüllten Bettdecke. Wie unter einem frisch gewaschenen Laken auf der Wäscheleine. Auf der Wäscheleine hinter unserem Haus, das an die Wiese und den Wald dahinter grenzte. Im Wind spannten die Laken sich dort auf wie Drachen, die mit Wäscheklammern an die Leine gebändigt wurden. Golden glitzerte die Sonne hindurch, während der Wind mir das Laken durch das Gesicht strich und sich die Gerüche von frischer Wäsche, Sonne und Wiese vermischten.

Vielleicht ist es das – das Glück. Doch ich kann davon nicht schreiben. Ich wünschte, es wäre anders. Längst ist die Wäsche abgehängt, die Sonne schon hinter dem Nachbarhaus versunken. Unser Haus an der Wiese steht seit Jahren nicht mehr. Ich sah, wie die Maschinen sich durch die Wände fraßen. Die Vorhänge warf jemand weg, ich sah sie nie wieder. Die Maschinen fraßen das Haus, bis nur noch Schutt übrig war. Ich liefere die Asche dazu. Ich lege das Feuer um die Worte, weil sie wehtun. Ich brenne alles nieder und drehe mich weg, die Hitze tanzt mir im Rücken. Ich denke an den Neuanfang. Gehe ein paar Schritte. Doch wenn das Feuer verglüht, wird es kalt im Rücken.

Auf der Suche nach einem neuen Anfang dachte ich lange an früher. Und der Regen kam zurück, doch ich wollte ihn nicht. Aber es wird nicht gehen, ohne dass ich mich umdrehe. Es wird nicht gehen ohne die Asche. Der Regen wird wieder die Feuer löschen. Vielleicht kann ich dann von der Sonne schreiben.

Rique am 2.5.17 22:10


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