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Über Mohn &
Wacholder


Briefchen

35

Ich bin ein Satellit
Bleibe niemals stehn
Umkreisen und warten
Quelle der Manie
(Fliehende Stürme)


Früher dachte ich, mit fünfunddreißig wäre man seriös. Man säße irgendwo in der Vorstadt, den Sommer könnte man altersgemäß auf der AIDA verbringen, die Netzstrumpfhosen längst passé, gegen eine Bluse eingetauscht. Auf dem Schiff würde man am Pool die alternde Haut grillen und Minigolf spielen, sich nur noch an die Jugend erinnern, ach damals, ach, war das wild.

Dieses Jahr werde ich fünfunddreißig. In meinem Zimmer sind immer noch plüschige Einhörner und die AIDA diente mit dem Programm und dem Tanztee nur meiner sarkastischen Belustigung. Minigolf spiele ich am Liebsten betrunken und die Netzstrumpfhosen waren gestern im Einsatz, als ich der schwermütigen Wave-Musik lauschte. Ich fühle mich nur alt, wenn ich merke, dass das Feiern am nächsten Tag doch Spuren hinterlässt. Dafür habe ich kreative Ideen, mein Kopf ist ruhiger, aber immer noch verrückt. Und das ist auch gut so.

Viq am 14.5.17 12:35


Garage Beat

Alles fokussierte sich allein darauf. Dieses Geräusch, dieses Vibrieren im Fuß und fast zeitgleich im ganzen Körper, in den Ohren. Es elektrisierte. Mal um Mal trat er fester gegen den abgewetzten Lederball, Mal um Mal traf der Ball stärker auf das metallene Garagentor und Tritt für Tritt krachte der harte Ball lauter gegen das Tor. Dann, wenn das Krachen laut genug war, konnte es die wütenden Schreie übertönen, die trotz des geschlossenen Küchenfensters auf den Hof drangen. In dem Moment, in dem der Fuß auf den Ball traf, verschwand die restliche Welt, war er nur vor der Garage, war voller Konzentration und Erwartung auf den unmittelbar folgenden Knall gegen die Metallwand, war er weit entfernt von der Küche und den Stimmen hinter dem Fenster. Und die Euphorie des metallenen Lärms dämpfte für eine kleine, aber wichtige Anzahl von Sekunden alles um ihn herum, die Trommelfelle schwangen vor Glück und die wenigen Sekunden reichten aus bis zum Zurückprallen des Balls, bis zum nächsten Tritt, bis zum nächsten Krachen gegen das Tor. Er zählte - dreizehn - vierzehn - er versuchte, das Krachen noch weiter ansteigen zu lassen, hatte das Gefühl, dass es ihm gelang. Zweiundzwanzig - dreiundzwanzig - alles laut, alles taub, alles dumpf. Bei fünfunddreißig griff ihm die Hand in den Jackenkragen im Nacken. Die Tür hatte er nicht gehört, sie musste zeitgleich mit dem Ball am Garagentor aufgekracht sein. Der Ball rollte ins Leere, doch das Vibrieren des Garagentors klang noch nach. Es schüttelte ihn, ein wütender Mund klappte vor seinen Augen auf und zu, doch eine Weile noch blieb alles taub, alles dumpf. Die Arme taten ihm weh. Alles laut. Alles dumpf. Fünfunddreißig, dachte er. Ein neuer Rekord.
Rique am 10.5.17 22:16


mémoires d'une jeune fille rangée.

Auf dem Garagendach meiner Eltern sammelte sich oft der Regen, wenn ich hinausblickte, konnte ich mich in den Tropfen spiegeln, man sah mich und den Laternenmast. Du gehörst für mich immer noch zu diesem Dach, diesem Regen, Du und Dein altes Auto, in dem wir Stunden verbrachten, bis meine Füße kalt wurden und das letzte germanistische Zitat verklang. Manchmal saßen wir am Eßzimmertisch, zitierten weiter und wärmten Windbeutel in der Mikrowelle auf, die dann natürlich zu Windbeutelsuppe wurden. In meinem Samtrock verfing sich der Herbst, als wir unsere Runden drehten. Ich habe immer an dieser Freundschaft festgehalten und vielleicht ist dieses Festhalten immer noch der Grund, warum ich Dir noch nicht gesagt habe, wie traurig ich manchmal bin, dass unsere Wege sich zu verzweigen scheinen. Und wer weiß, vielleicht führt es uns doch wieder zueinander, dieses manchmal abenteuerliche Leben. Deswegen sage ich nichts, denke an das Garagendach, an Kleist, und an all die betrunkenen Tequilamomente. Es sammelt sich weiterhin der Regen und vielleicht wärmen wir irgendwann Torten in der Mikrowelle auf. Nur ohne Kleist, dafür mit neuen Erfahrungen.

Viq am 3.5.17 15:01


sicut solis radii

Und dann kam der Regen zurück, doch ich wollte ihn nicht. Auf der Suche nach einem neuen Anfang dachte ich lange an früher. An die Namen, die ich mir gab. An die Orte, an denen ich war. An die Feuer, die ich legte, um die Worte, die ich geschrieben hatte, zu verbrennen. Ich dachte an die Regentage, die wirklichen und die geschriebenen, tastete ein wenig der Zerrissenheit von damals nach, erinnerte mich an das Tröstende in den hinabrinnenden Regentropfen am Fenster. Erinnerte mich an die orangefarbenen Vorhänge, an das große Fenster, durch das ich dem Regen oft zugesehen hatte. Fragte mich, wie es gekommen wäre, hätte ich die Orte zum Schreiben nie gefunden, die schwarzen, die rubinfarbenen, die graublauen. Sicher ist nur, dass alles völlig anders wäre.

So vieles hat sich geändert. So vieles wurde besser. Und je besser es wurde, desto leiser wurde ich. Bis ich schwieg, denn ich konnte vom Glück nie schreiben. Ich finde nur Worte für das, was mir fehlt. Ich wünschte, es wäre anders.

Mir fehlen die orangefarbenen Vorhänge. Mir fehlt nicht der Regen, mir fehlt die Sonne hinter den Vorhängen. Wie oft sah ich die Sonnensprenkel an der Wand, wie oft wurde mein Zimmer eingetaucht in dieses eine, besondere Gelborange, das alles aussehen ließ wie auf einem alten Farbfoto. Wie oft fuhr ich mit den Fingern über die grobe Struktur dieser alten Gardine, die schon dort hing, als meine Mutter noch jung war. Manchmal gab es nichts Schöneres, als ganz dicht vor dem Vorhang zu stehen, die Augen zu schließen – und alles war orange. Die Struktur der leuchtenden Fasern zu betrachten, wenn sich hinter ihnen die Sonne gegen das zugezogene Fenster warf. Wie unter einer sonnenerfüllten Bettdecke. Wie unter einem frisch gewaschenen Laken auf der Wäscheleine. Auf der Wäscheleine hinter unserem Haus, das an die Wiese und den Wald dahinter grenzte. Im Wind spannten die Laken sich dort auf wie Drachen, die mit Wäscheklammern an die Leine gebändigt wurden. Golden glitzerte die Sonne hindurch, während der Wind mir das Laken durch das Gesicht strich und sich die Gerüche von frischer Wäsche, Sonne und Wiese vermischten.

Vielleicht ist es das – das Glück. Doch ich kann davon nicht schreiben. Ich wünschte, es wäre anders. Längst ist die Wäsche abgehängt, die Sonne schon hinter dem Nachbarhaus versunken. Unser Haus an der Wiese steht seit Jahren nicht mehr. Ich sah, wie die Maschinen sich durch die Wände fraßen. Die Vorhänge warf jemand weg, ich sah sie nie wieder. Die Maschinen fraßen das Haus, bis nur noch Schutt übrig war. Ich liefere die Asche dazu. Ich lege das Feuer um die Worte, weil sie wehtun. Ich brenne alles nieder und drehe mich weg, die Hitze tanzt mir im Rücken. Ich denke an den Neuanfang. Gehe ein paar Schritte. Doch wenn das Feuer verglüht, wird es kalt im Rücken.

Auf der Suche nach einem neuen Anfang dachte ich lange an früher. Und der Regen kam zurück, doch ich wollte ihn nicht. Aber es wird nicht gehen, ohne dass ich mich umdrehe. Es wird nicht gehen ohne die Asche. Der Regen wird wieder die Feuer löschen. Vielleicht kann ich dann von der Sonne schreiben.

Rique am 2.5.17 22:10


Himmelmeer

Ein fiktives Meer zu Lord of the Losts "Adonai"

 

Das Meer war grau mit Himmelherbst in den Tropfen des Regens. Sie stand dort und grub die Schuhspitzen in den Sand, als könnte dieser sie aufessen, verschlingen und verbergen. Ein kurzer Moment der nagenden Angst. Sie streckte die Hand aus. Die Luft war feucht, war herbstlich, wenn sie einatmete, zog es in ihrer Nase. Vielleicht zog nur die Erinnerung, ein Himmelmeersog, grau und drückend.

 

Als sie ihn traf, war sie auf dem Weg zur Arbeit, in der Bahn pfiff der frühe Halbschlaf sein träges Lied. Die Großstadt starrte ins Leere. Seine kalten blauen Augen trafen sie wie ein Magnet. Sie redeten kurz über Belangloses, er funkelte sie an, seltsam und doch anziehend. Fremd und doch vertraut. Nach den ersten Rosen und Sektflaschen tanzten sie Walzer vor der Fensterfront seiner Wohnung, sein kühler Blick auf ihren nackten Schlüsselbeinen. Fast schon sezierend, als wäre sie bald nur noch ein Skelett, Knochen für Knochen. Blick für Blick. Nachts zog er seine filigranen Finger über ihren Rücken, sie wurden kurzzeitig warm und aus seinen Augen wich der kühle Frost.

 

Keine Beziehung, sagte er immer. Nie gehabt. Nie gewesen. Die Liebe - ein Konstrukt aus Angst. Eine Illusion der Menschheit. Sie verfiel trotzdem den Umarmungen vor den Fenstern. Hauchte ihm Worte ins Ohr, als könnte sie ihn erwärmen, irgendwann. In einem Monat. In einem Jahr. Am Ende der Zeit. Aus seinen Worten erwuchs ein Eispalast. Er taute nie. Irgendwann fühlte sie kalte Finger an ihrem Rücken. Als sie von Verliebtheit sprach, zogen diese Finger ihre Haare vor der Fensterfront und quer durch die Wohnung. Am nächsten Tag war sie am Meer.

 

Der Regen verging, die herbstliche Luft erwärmte sich von der Sonne, die Blätter golden, der Herbst umarmend. Es war Zeit, den kühlen Fremden loszulassen. Die Haare wachsen nach, dachte sie, rot schimmernd von den Sonnensprenkeln. Der Eisprinz wandert ins Meer. In den Sog. Hoffentlich für immer.

 

 

 

Viq am 30.4.17 12:55


Ans Meer

Kein Rauschen kündigt es an, keine große Welle, kein Sturm. Langsam spühlt es sich zurück ans Land, vage, zögernd, aber es kommt und die Ebbe zieht sich zurück. Irgendwann sind Wellen sichtbar, irgendwann das Wasser hörbar. Es ist zurück, das Meer.
Am Strand wurden die Beine vom langen, unbewegten Stehen taub und gaben nach. Die Hände gruben im Buchstabensand, gruben tiefer, tiefer, als würden sie einen Grund erreichen wollen. So vieles ist durch die Finger geronnen in all den Jahren, so viele Worte, so viele Sätze, so viel Sand. Doch was bringt uns die Wehmut? (Vieles. Oh, so vieles.) Sie bringt uns doch nichts. (Und bringt uns alles.)
Das Meer ist zurück. Stehen wir auf. Blicken wir nach vorn. Das Meer ist zurück und das Rauschen ist da. Werfen wir uns in die Fluten. Bannen wir die Sätze. Hören wir aufs Rauschen. Geben wir ihm Papier. Es wird Zeit für neue Worte. Es wird Zeit, das Meer ist wieder hier.
Rique am 27.4.17 22:02


"Hello" is just a click away

Wir sind wieder da. Sechs Jahre später schreibe ich Sätze in dieses vertraute Fenster mit dem blauen Header. Es ist viel passiert, wir stolperten vielleicht auf dem Weg, aber wir sind angekommen. In verschiedenen Städten, unterschiedlichen Berufen. Doch verbindet immer noch das Schreiben, die Witze über Veljanov, seine Fingergeste, seine Frisur. Wir sind älter geworden und im Moment hadere ich ganz manchmal mit diesem Alter, andererseits sind wir immer noch kreativ und auf Kurs. Nun sind wir die, die alle Lieder auf der Tanzfläche kennen und besonnen für Ordnung sorgen können. Achtung, Ordnung, wir sind erwachsen. Aber das literarische Meer ist hier.
Viq am 22.4.17 14:07


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